Von der Balance zwischen Erzählen und Zuhören

Gastbeitrag von Rosemarie Kurz

Zweimal in meinem Leben zerfetzte ich aus Wut und Zorn ein Buch, da ich mich vom Vater nicht beachtet fühlte – einmal als 3-Jährige und das zweite Mal als 40Jährige. Wieder 40 Jahe später begann ich mein eigenes Lebensbuch zu schreiben. Ich wollte meinen Nachfahren einige Kurzgeschichten zum besseren Verständnis meines Tuns und Wirkens hinterlassen. Nach den ersten Anfängen musste das Vorhaben aus Krankheitsgründen zur Seite gelegt werden.

Nun zum kommenden 85. Geburtstag, das als großes Fest geplant war, sollte dieses mein Lebensbuch nun verwirklicht werden. Damit ich dieses Vorhaben nun auch ohne Wenn und Aber verwirklichen konnte, sah ich mich nach einer Ko-Autorin um. Natalie Resch erschien vor mir in meinem geistigen Auge. Ja, und sie war es nun auch, bei der ich anfragte, ob sie Interesse hätte, mit mir gemeinsam mein Buch, das außer Lebensgeschichte auch Zeitgeschichte beinhalten sollte, zu schreiben. 

Natalie Resch kannte ich als Kuratorin eines MEGAPHON-Filmabends zum Thema Sexualität im Alter. Sie lud mich als Mitdenkerin – Mitrednerin ein. Außerdem stellte  sie mich in ihrem Buch Graz – Porträt einer Stadt  mit  einer  Kurzgeschichte über die ALMA Mater Graz vor. Dieses Buch gefiel mir als Ganzes: Inhalt, Form, Größe und Aufmachung.
Natalie hatte den Mut und den Glauben an unser gemeinsames Werk und gründete den Verlag Kintsugi. Der Goldstaub liegt über unserem gemeinsamen Tun und wird auch unsere Leserinnen und Leser einhüllen.

Natalie Resch schlug ein und von Stund` an waren wir ein Paar – ein Paar, das unterschiedlicher nicht sein konnte, jedoch im Gleichklang miteinander arbeiten konnte. Immer wieder vergaß ich, dass sie meine Ko-Autorin 50 Jahre jünger war. Ich sah sie mit ihren schönen blonden Haaren, ihrem interessierten eifrigen Gesicht vor mir und nahe an mir, denn es war mir ein leichtes mich ihr gegenüber zu öffnen. Sie besitzt die Gabe des aktiven Zuhörens, eine erstaunliche Einfühlungsgabe gepaart mit einer noblen Zurückhaltung, die meine besten Erzählungen aus mir nur heraussprudeln ließen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass Natalie die Gabe des Schreibens hat. Grazerinnen und Grazer kennen ihre sehr gescheiten und gut lesbaren MEGAPHON-Geschichten.

So fanden wir zusammen und merkten kaum, dass uns allen CORONA heimsuchte. Wir trafen uns auf Abstand, getestet oder per Video, tauschten Ansichten, Gefühle und Inhalte, erfreuten uns an immer neuen Fragestellungen und brachten unser gemeinsames Werk in die Nähe der Veröffentlichung. 

Ich danke dir Natalie mit den goldenen Haaren für deinen Mut, deine Umsicht und deine Rücksicht. Nur mit dir konnte sich mein Wunsch, die zerfetzten Bücher wieder mit meinem Lebensbuch zuzudecken, erfüllen.

Eine Autobiografie der etwas anderen Art, nenne ich sie gern. Illustriert, in Farbe, keine Linearität, aber lebendig und vernetzt zu lesen und zu denken – wie unser Leben selbst. Humorvolle, erfrischend ehrliche Etappen aus Rosemarie Kurz Leben.
Es sind Rosemaries Kurzgeschichten, die sie seit fünf Jahren schreibt, die Ausgangspunkt waren. Aufgefädelt anhand von persönlichen Themen, die zugleich gesellschaftsrelevant sind, gibt das Buch kurzweilige und sehr tiefe Einblicke in ihr Leben. Dabei bleiben verstörende Tiefen ebenso wenig verborgen, wie verrückte, kühne Wagnisse, Triumphzüge und innere Höhenflüge.  
Einblicke ins Buch und was  ihre WegbegleiterInnen über sie sagen? 
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Happy-go-lucky bedeutet glücklich zu sein. Ideen, die in meinem Kopf aufgetaucht sind, ohne viel zu grübeln und Angst, einfach umzusetzen. Mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit und aus einer Selbstverständlichkeit heraus. Solange der Spaß da war, spielte es keine Rolle, wie viel Arbeit und welche Risiken damit verbunden waren. So habe ich mich selbst glücklich gemacht.
— Rosemarie Kurz

Wer ist Rosemarie Kurz überhaupt?

Rosemarie Kurz will sich als Zoom-Moderatorin ausbilden lassen, um ihre Generation digital fit zu machen. // Foto: Sascha Pseiner
Jahrgang 1936, Pionierin im Bereich nachberufliche Bildung, Emanzipation und Generationenfragen.

Sie gründete die GEFAS, leitete das Generationenreferat der ÖH Graz und machte mit 63 Jahren ihren Abschluss als Dr.in der Philosophie.

Keinen Ton leiser geworden sendet sie regelmäßig Kultur-Tipps und Petitionen an ihre 250 WhatsApp-Kontakte, macht Online-Modeshows, ist Kulturvermittlerin für Kunst unterwegs. Sie fordert sich und mich als Biografin jeden Tag aufs Neue. 

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Illustrationen und Zeitgeschichte

Neben den Illustrationen von Jacqueline Kaulfersch gibt es im Buch Land- und Reisekarten ihrer Lebensstationen, zeitgeschichtliche Exkurse zum Erlebnis und begleitend spannende Fakten. Wusstest du, dass…?

Wusstest du, dass ...?

Für mich ist das Illustrieren ein Eintauchen in Rosemaries spannendes Leben und ein Auftauchen mit Skizzen, Gefühlen und Inspiration, die ich mit meinen Bildern sichtbar mache.
— Jacqueline Kaulfersch

Was hat das alles mit mir zu tun?

Immer stehen Rosemarie Kurz Geschichten in einer Verbindung zum Hier und Heute, erzählen von den großen Fragen unserer Zeit. Docken aus der persönlichen Situation heraus an die aktuell gesellschaftspolitisch brennenden Themen an: Demokratie, Generationenfolge, Solidarität, Empowerment und das Sein im hohen Alter, insbesondere das Frausein: Themen, die vor fast 90 Jahren genauso relevant waren, wie sie es heute noch sind. 2020 schreibt die 85. Jährige noch empört einen Brief an Bildungsminister Fassmann, denn Bildung brennt. Gleich im Anschluss an ihre 10.000 Schritte, die sie täglich macht.

 
Das Buch greift allgemein gültig Fragen auf, bettet sie in Zeitgeschichte und Fakten ein und wirft einen Blick in die Zukunft: Welchen Aussagewert kann es für die nachfolgenden Generationen haben? Als Biografin und fast 50 Jahre jüngere Frau fasziniert mich die Frage ‚Was hat das alles mit mir und heute zu tun?‘ seit der ersten Stunde ihrer Zusammenarbeit im März 2020. „Wie eine Lupe zwingt sie mich ganz genau auf Themen hinzuschauen: Ist die Gleichstellung wirklich schon soweit, wie manche Frau meiner Mitte-Dreißiger-Generation denkt? Wissen wir als Töchter und Enkelinnen überhaupt, wofür unsere (Groß-)Mütter gekämpft haben, was heute für uns normal erscheint? Wie lautet die Generationenfrage von heute und wie können Antworten darauf lauten?“

Jede kann Pionier sein – Du musst es nur wagen!

Es sind Episoden aus einem Leben, das außerordentlich ist und zugleich für so viele Frauen steht. Es sind berührende Geschichten, die von der Kriegsenkelgeneration erzählen, vom nationalsozialistisch geprägten Mutterbild, dem Überlebenskampf einer alleinerziehenden Mutter, der Flucht einer ‚braven‘ Ehefrau, einem Körper als ‚funktionierende Maschine‘, Depression, Höhenflügen, und der Selbstermächtigung durch Bildung – auch oder vor allem in der nachberuflichen Lebensphase. Und der Kampfansage, dass man mit 80+ noch lange nicht zum alten Eisen gehört.  

'Unruhestand!' wirft einen Blick auf die verschiedenen Rollen einer Frau und zeigt, was eine Pionierin alles sein kann. Vizedirektorin des Graz Museum, Sibylle Dienesch, spricht diesen erweiterten Pionierinnen-Begriff im Interview über Rosemarie Kurz und die Pionierinnen-Galerie im Grazer Rathaus an: 
Es sind Frauen, die großartige Leistungen hervorgebracht haben, deren gesellschaftliches Tun bzw. Wirken von wesentlicher Bedeutung ist, die aber nicht unbedingt die ersten in der Gruppe an Frauen sind, die etwas erfunden oder entwickelt haben. Es sind auch Wegbegleiterinnen, die es anderen Frauen ermöglichen, neue Wege zu gehen, um Ziele zu erreichen.

„Wenn man so will, ist Rosemarie eine Pionierin der Stadt Graz, die stets ihren Grundsatz verteidigt hat: Geht nicht, gibt’s nicht“, so Angelika Vauti Scheucher. Die Leiterin der Stabstelle Inklusion & Partizipation des Universalmuseum Joanneum hat mit Rosemarie Kurz das Format Unterwegs zur Kunst entwickelt. Es ist eines von vielen Projekten, die Rosemarie Kurz erfolgreich umgesetzt hat, ebenso wie Spurwechsel. Ab 1998 konnten rund 100 Frauen eine niederschwellige Ausbildung zur Kursleiterin abschließen. „Es hat mich selbst stark verändert. Spurwechsel ermutigte mich auf das Aufgabengebiet umzusteigen, das mich wirklich interessierte – abseits meiner Rolle als Mutter und Ehefrau: Lehrende zu sein“, erzählt Herta Bacher.
aus der Episode: Wechselspiel der Gefühle
Biografiearbeit bedeutet sein Leben nochmals zu erleben und die Geschichte – wenn man will – neu zu schreiben.
— Natalie Resch
Rosemarie Kurz im Gespräch mit Biografin Natalie Resch // Foto: Sascha Pseiner